Ich bin ein Mensch, der schon immer das Leben „geplant“ hat.
Alles mußte in meiner vorgestellten Reihenfolge erfolgen 1992 Verlobung, 1996 Heirat und dann mit 25 Jahren mit dem ersehnten Kind schwanger sein.
(Ich bin ein Familienmensch. Schon als Kind wollte ich später eine Familie sein mit vielen Kindern, möglichst eine Fußballmannschaft.
Doch mit den Jahren legten wir uns auf zwei Kinder wegen dem finanziellen Aspekt fest.)

Wenn mir so zu der Zeit um 1996 jemand sagte „Du kannst nicht alles planen, schon gar nicht ein Kind“,
dann lachte ich innerlich. Ich war der festen Überzeugung:

fruchtbare Tage ausrechnen + Geschlechtsverkehr an diesen Tagen = mein Wunschkind.

Doch was meistens sonst so klappte, daß meine Wünsche und Planungen Realität wurden,
klappte in diesem  letzteren, mir sehr wichtigem Punkt, nicht.

Ich wollte keine weitere Zeit verlieren und so begaben wir uns in die Hände der Mediziner mit den Gedanken im Hinterkopf:
Die Medizin ist heute so weit fortgeschritten. Jede 7. Ehe bleibt ungewollt kinderlos in Deutschland.
Durch die Medizin wird es fast halbiert – was für eine Chance. Ein Mal, höchstens 2 Mal hingehen und es klappt!

Naiv diese Denkensweise, weiß ich heute. Ein Jahr dokterten wir mit Tabletten, Spritzen andauernd Ultraschall herum.
Die Frauenärztin war mein zweites Zuhause geworden. Geschlechtsverkehr auf Anordnung.
Und dann die guten Ratschläge von Außenstehenden: „laß alles auf Dich zukommen - nicht drüber nachdenken“.

Wie soll das gehen? Der ganze Alltag dreht sich nur um dieses Thema und der Wunsch, die Sehnsucht wird immer größer.
Überall sieht man nur noch Kinder mit glücklichen Eltern.
Ich schaute ständig nach Kinderkleidung und nach der großen Stoffmaus, welche mein Kind als erstes Stofftier besitzen sollte.

Mit jedem einsetzen der Regel wird man wieder ein wenig deprimierter und
setzt alle Hoffnungen in den nächsten Versuch, um sich selber wieder hoch zu ziehen .

Wenn mir jemand gesagt hätte, daß ich mich irgendwann freiwillig unters Messer legen würde, ich hätte ihn ausgelacht.
Man setzt sich seine Grenzen:
Schwangerschaft nur auf normalem Weg, dann mit Tabletten und Spritzen,
dann Bauchspiegelung, dann Insemination im Reproduktionszentrum, dann künstliche Befruchtung , dann .....

Nach jedem dieser einzelnen Schritte habe ich mir gesagt „wenn es nun nicht klappt ist Schluß. Weiter gehst Du nicht“.
Doch jedes Mal, wenn ich an die Grenze stieß, war da ein kleiner Funke Hoffnung, welcher mir die Kraft zum Weitermachen gab.
Immer wieder sagte mein Gehirn „Und wenn es mit diesem Prinzip nun klappen würde?
Und Du hast es nicht gewagt es zu probieren!“ Jörg sah es ähnlich. 

Unfuchtbarkeit ist in der Gesellschaft noch ein großes Tabuthema.
Viele in der Gesellschaft sehen ein Leben ohne Kinder als selbstsüchtig an, man wolle sich wohl ein schönes Leben machen.
Doch nicht jeder mag sich outen und sich ein Schild auf die Stirn nageln „ich bin unfruchtbar – oder ich kann ohne Hilfe keine  Kinder bekommen,
obwohl ich gerne welche hätte – wir forschen noch“. Viele reden sich raus,
wenn sie gefragt werden warum sie noch keine Kinder haben oder ob sie keine möchten.
Ich war immer offen und habe erzählt wie zur Zeit der Stand war. Ich habe ehrlich zu der Situation gestanden,
denn immer häufiger wurde über Unfruchtbarkeitsursachen in den Medien berichtet.

Häufig habe ich Eltern mit ihren Kindern beobachtet und mich gefragt,
ob sie es eigentlich zu schätzen wissen wieviel Faktoren in der Natur zusammentreffen müssen damit dieses Wunder,
dieses Wesen entsteht  und sie auserwählt wurden dieses Glück zu erhalten.

Dann gingen wir im März 1998 (genau gesagt am 30.) ins Reproduktionszentrum.
Ich sah diese vielen Paare, diese unterschiedlichen Menschen und ich merkte

„Hey wir sind nicht allein! Es sind hier so viele Menschen, die dasselbe Problem haben wie wir“.

Und ich hatte neue Hoffnung. Alle Infos die es zu diesem Thema gab habe ich in mich aufgesogen – ich wurde zum kleinen Experten auf diesem Gebiet.

In einem Reproduktionszentrum läuft alles sehr unpersönlich ab. Man als Mensch,
wird zu einer Nummer und der Körper wird mit vielen Medikamenten in das hoch - komplizierte biologische Schema,
welches zum Erfolg führen soll,  gepreßt, ob er will oder nicht.
Jedes Mal, wenn ich im Wartezimmer saß, beobachtete ich die verschiedenen Personen und fragte mich,
was sie wohl schon alles durchgemacht hatten, um ihrem Wunsch näher zu kommen.

Als wir am 16. Juli erfuhren, daß eine Kinderseele in mir eingezogen war, waren wir überglücklich.
Die Dame am Telefon muß auch gedacht haben, daß ich taub bin.
3x ließ ich das Ergebnis wiederholen bis ich es endlich glaubte.
Euphorie machte sich in meinem Körper breit und ich fing vor Freude am ganzen Körper an zu zittern.
So ein Gefühl war bisher einmalig – ich kann es gar nicht recht beschreiben.

Ich hätte mich am liebsten auf einen großen Berg gestellt und es laut ins Tal geschrien,
daß alle Welt es wissen erfahren solle.
Endlich hatte der Herr Gott meine Gebete erhört - eine Kinderseele ist eingezogen -

wir waren schwanger !!! 


Am 23. Juli – ich war in der 6. Woche, sah ich das kleine Wesen in mir zum ersten Mal:
ein kleiner Punkt war nur zu sehen. Faszinierend,
wenn man bedenkt daß ein Embryo in der 3. SSW schon 5mm groß ist!!!!!
(Die Entwicklung des Nervensystems beginnt, Gehirn und Herz sich formen,
die Augen und Ohren werden sichtbar, die bildet Lunge sich, Gehirn,
Plazenta und Nabelschnur haben sich entwickelt, der Darm ist schon entstanden.
Die winzigen Finger und Zehen schon erkennbar).
Ich mußte die Kinderseele gleich erst einmal der zukünftigen Tante und den Großeltern vorstellen.
Ich sagte immer „es ist schon sehr schlau, es kann schon den Kopf heben“.
Die Abschlußuntersuchung im Zentrum war in Ordnung und
somit wurden wir zur normalen Untersuchungen zum Frauenarzt entlassen ...

Doch unser Glück war nur von kurzer Dauer, denn ab der 7.Woche hatte ich häufig Blutungen und täglich Schmerzen,
mußte Bettruhe halten und war teilweise im Krankenhaus, sowie zu Spezialuntersuchungen.
Jörg war von Anfang an sehr stolz.
Er ließ kaum eine Gelegenheit aus meinen Bauch zu streicheln und dem Bauchbewohner alle möglichen Dinge zu erzählen.
Für ihn war die Zeit sehr schwer. Er konnte nicht fühlen, was ich fühlte.
hatte zeitweise Mißtrauen mir gegenüber, ob ich ihm auch die Wahrheit über meine Beschwerden sagen würde.
Bei keinem der zahlreichen Untersuchungen schellten die Alarmglocken
"wenig Fruchtwaser haben manche Frauen, 4 Tage in der Entwicklung zurück ist noch okay,
die Blutungen können vom einnisten her sein ..."
keiner von uns hatte bemerkt wie schlecht es unserem Sonnenschein ging.
Im Gegenteil ich hatte geglaubt es zeigt sich von der besten Seite, wenn er die letzten Male bei den US still lag.
Hätten wir zuvor gewußt, daß wir die wilden Purzelbäume zum letzten Mal sehen würden,
wir hätten stundenlang weiter zugesehen ...


Fotos - ich hätte so gerne jede Menge von ihm
- Leider ist dieses das einzige Ultraschallbild auf dem man Léon erkennen kann
(ich habe es erst seit Sommer 2002) meiner
Gyn dafür :O)

Meine Eltern und ein paar Freunde hatten versucht ein wenig Abwechslung in die tristen Monate zu bringen in denen ich meist nur liegen drufte
und dann hatte ich mich endlich mit diesen Problemen abgefunden .....

Am 30.10.98, wir waren in der 20.Woche Ultraschall war angesagt und
ich war schon mächtig gespannt wie es sich entwickelt hatte.
Ich kann mich an diesen Tag und an die  dann folgenden genau erinnern, was gesagt und getan wurde.
Es  könnte ein Film oder ein Traum sein, doch es ist Realität:
Ich wartete also sehnsüchtig auf die Ansicht, doch ich fand keinen Herzschlag auf dem Ultraschall.
Kein Herzschlag – Panik kam in mir auf – mein Bauchbewohner bewegte sich nicht mehr - keine Purzelbäume - kein Leben mehr.
Die Frauenärztin brauchte nichts mehr zu sagen.
Ich fiel mit meinen Kopf auf die Barre und im Inneren begann eine rasante Talfahrt, noch tiefer wie in den Keller.
Ich hatte keinen Halt mehr unter den Füßen – es wollte gar nicht enden ....... Ein komisches Gefühl.
Ich sah alles wie benebelt, als wenn ich neben mir stehen würde und mich und mein Leben beobachten würde.
Heute weiß ich, daß durch einen Schock der Adrenalinspiegel steigt und unsere Denkfähigkeit herab gesetzt wird.
Dieses ist eine natürliche Form um den Körper und Geist zu schützen. Sie kann Stunden, Tage, sogar Wochen anhalten.
Bei mir waren es Monate. Die Frauenärztin kontrollierte genaustens und klärte alles Weitere mit dem Krankenhaus ab.
Jörg, der im Auto wartete, wußte sofort, daß etwas nicht stimmte.
Wir lagen uns weinend auf dem Parkplatz in den Armen.

....Unser Sonnenschein war tot.....

Zuhause ging ich in das Kinderzimmer und nahm die Stoffmaus für unseren Sonnenschein in den Arm.
Wie hypnotisiert packte ich meine Tasche und wir fuhren los.
Es war komisch wieder dorthin zu kommen, wo ich schon sehr bekannt war.

      Beim Ultraschall wurde festgestellt, daß der Bauchbewohner schon fast zwei Wochen tot war, war schon recht klein geworden.
Ich konnte nicht mehr auf den Monitor sehen, zu groß war mein Schmerz es ohne Bewegung liegen zu sehen.
Ein komisches Gefühl. Ich wurde gefragt, ob ich mich erst mal beruhigen möchte und wieder nach Hause fahren will.
Doch ich wollte es schnell hinter mich bringen.
Ich hatte Angst vor einer Vergiftung und stellte mir vor, daß es in mir verwesen würde.
Mir wurde gesagt daß der Körper noch gar nicht weiß, daß die Schwangerschaft beendet ist und
weiterhin bis zu 4 Wochen alle Schwangerschaftsmerkmale behält:
Gewichtszunahme, wachsen der Brüste usw ...
Nicht erzählt wurde mir, daß ein totes Baby nicht verwesen kann, da es nicht mit Darmbakterien in Verbindung kommt.
Solange die Fruchtblase geschlossen bleibt und es nicht zu einer aufsteigenden Bakterienbesiedlung kommt, entsteht kein Gift.
Zäpfchen, Infusionen ... alles schien nicht zu wirken .... mein Körper wollte unseren Sonnenschein nicht gehen lassen.

Am 31.10. gegen 17:45Uhr gab es ein großes reißen in meinem Körper, der Muttermund hatte sich geöffnet.
Bis hierher war der Bauchbewohner für mich immer die kleine Nele.
Jörg hatte ich im Laufe der Schwangerschaft von der Weiblichkeit überzeugt.
Doch als es nun langsam losging, war mir bewußt, daß es ein Junge ist und
wir hatten uns noch nicht für einen Jungennamen entschieden, der schnell ohne zögern gefunden wurde.
Jörg war sehr verwundert, daß ich auf einmal wußte, daß es ein Junge wird. Ich wußte es einfach!!!!

Nach 36 Std. kam am 31.10.98 um 18:35 Uhr unser Sonnenschein auf die Welt.
Ich hatte recht, es ist ein Junge.
Ich freute mich für einen Moment, weil ich recht hatte und Jörg sich immer auf einen Jungen gefreut hatte.
Doch schnell hatte mich die Realität wieder - Léon ist tot - Léon, unser Sohn ist tot!

Ich kannte das Personal von den Aufenthalten zuvor und ihre Betroffenheit ließ die Atmosphäre persönlich wirken.
Ich hätte mir gewünscht, daß das Personal das Buch "Gute Hoffnung - jähes Ende" gelesen hätte,
um für unsere spätere Trauerverarbeitung wichtige Grundsteine zu legen.
Ich konnte nicht begreifen, warum ich das Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen sollte.
Doch heute bin ich froh darüber, sonst wäre ich wahrscheinlich durchgedreht.
Trotz vieler Medikamente wollte mein Körper unser Kind nicht frei geben.
Während des Wartens auf die Geburt sollten wir uns Gedanken über Beerdigung usw machen
- wir waren nicht in der Lage klar zu denken - Als Léon dann auf der Welt war konnte ich ihn gar nicht richtig wahrnehmen,
durch die vielen Schmerzmittel war ich zu benebelt - hätte ich die hohe Dosis nur verweigert!!!!
Außerdem  machte ich mir Gedanken, um die bevorstehende Narkose.
Das Narkoseteam drängte zur Ausschabung und mir blieb nur ein lieblos aufgenommenes, verschwommenes Polaroidfoto.
Ein kleines Lebewesen mit sehr langen Beinen ..
Mein Mann kann mir keine Detailfragen zu Léon beantworten, denn er stand noch unter Schock.
Ich traute mich nicht ihn mir noch mal bringen zu lassen, denn er war wohl schon zur Obduktion vorbereitet -

Am nächsten Tag wurden wir mit unserer Trauer nach Hause entlassen
- Meine Familie gab sich große Mühe uns bei der Trauerverarbeitung behilflich zu sein - doch sie waren recht hilflos.
Für einen Teil meines Umfeldes hat es mich viel Kraft gekostet mein Recht auf Trauer deutlich zu machen.
Ich weiß, daß viele es nicht verstehen können, für sie war er nie real.
Ich war sehr hartnäckig und somit mußten sie bald verstehen, daß Léon für uns real war und
einen festen Standpunkt in unserem Leben eingenommen hat:
Unseren Verwandten und Freunden schickten wir zu Weihnachten ungewöhnliche Zeilen = Gedanken und Gefühle welche uns mit unserem Sohn verbinden.
Ich glaubte verrückt zu werden, als ich mich ertappte, daß ich mir immernoch über den Bauch streichelte, bis mir bewußt wurde:
Léon ist NICHT mehr da.
Nachts wachte ich oft auf, am Tag war ich von starker Unruhe des Suchens nach Léon geprägt.
Ich nahm das verschwommene Polaroidbild und es linderte - Wir errichteten im Wohnzimmer einen zentralen Punkt auf dem Aquarium:
eine Rose ein Sternenwindlicht (von meiner Cousine getöpfert) die Maus und dem Spruch aus dem Kleinen Prinzen "wenn Du bei Nacht .....
Nach einem langen Zeitraum fügte ich den Satz hinzu "und wenn Du Dich getröstet hast, wirst Du froh sein mich gekannt zu haben"

Ich bin froh liebe Menschen um mich gehabt zu haben, denn ohne sie wäre ich mit Sicherheit meinem Sohn gefolgt ...
Heute weiß ich, daß er nur vorraus gegangen ist, uns beobachtet, beschützt und wir uns irgendwann wiedersehen ....

Lèon wurde obduziert: er war gesund, hatte keine Mißbildungen
- es lag eine untergewichtige Plazenta mit ausgeprägten Durchblutungsstörungen vor = intrauteriner Abort als plazentare Ursache
Wir haben Léon nicht beerdigen lassen, weil uns andere in der hilfesuchenden Zeit davon abgeraten hatten.
"Er war doch noch soooo klein" war ihre Begründung
- ich konnte nach einiger Zeit diese Entscheidung nicht mehr rückgängig machen und muß heute damit lernen zu leben....

 


"Schlaf ruhig und träum süß kleiner Léon"  

*copyright der privat erstellten Fotos liegen bei uns & dürfen
nicht ohne Genehmigung vervielfältigt oder irgendwo mit hin genommen werden - Danke :-)

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